Vollkommenheit und Perfektion - Bibelverstehen - Bibelverstehen

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Christ sein im Alltag
Vollkommenheit und Perfektion

In Matthäus 5, 48 steht geschrieben: „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Heißt das, dass ein Christ perfekt sein muss, um ins Reich Gottes eingehen zu können? Ruft uns Jesus dazu auf, alles richtig und perfekt zu machen, damit wir Ihm gleich sein können?

Bevor wir diese Fragen beantworten und die wahre Bedeutung dieses Verses verstehen können, sollten wir uns erst fragen, was eigentlich die Vollkommenheit bedeutet, denn es besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was wir Menschen als Vollkommenheit bezeichnen, und der Vollkommenheit, die uns Jesus verkündet und in Liebe mitteilt.


Menschliche Vollkommenheit
Sie ist auch unter dem Namen „Perfektionismus“ bekannt und bezeichnet ein Vollkommenheitsideal, das nicht von Gott kommt, sondern von den Menschen selbst gemacht ist. Durch sein Streben nach Vollkommenheit/Perfektion versucht der Mensch, sich selbst nach seinen eigenen Vorstellungen und mit seiner eigenen Kraft zu verwirklichen. In dieser Haltung ist der Mensch zu sehr mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken beschäftigt, er sucht in Allem nur das menschlich Perfekte: beim Partner, bei den Kindern, bei den Kollegen, aber auch bei der Arbeit, in Haus und Garten, sogar in seinem Aussehen, seinen Leistungen, seinen Worten, alles muss ohne Schwäche und Fehler sein. Dass niemand diesen hohen Ansprüchen gerecht werden kann, versteht sich von selbst, und so wird gerade ein Perfektionist auch nie mit sich selbst und mit anderen zufrieden sein, da er immer denken wird, dass es noch besser gemacht werden kann. Letztendlich erkrankt er körperlich und seelisch daran, weil er stets unter Anspannung steht und sich selbst für seine Unvollkommenheit hart kritisiert und verurteilt. Er fängt auch an, Kritik an seinen Mitmenschen zu üben, bis er unfähig wird, ihre guten Seiten zu sehen und dafür dankbar zu sein. So kann der Perfektionismus das gemeinschaftliche Leben, die Einheit zwischen Ehepartnern, das gegenseitige Vertrauen unter den Menschen und das Klima am Arbeitsplatz schwer belasten.
Wenn wir dies noch genauer betrachten, können wir sagen, dass der Perfektionismus oder die menschliche Vollkommenheit eine Form des Stolzes oder aber des Hochmuts ist. Denn ein davon betroffener Mensch will von sich aus alles richtig und fehlerlos machen, er will die besten Leistungen erzielen, er will Erfolg und Anerkennung haben. Er tut sich schwer damit, eigene Gedanken und Vorstellungen aufzugeben und Gedanken und Vorstellungen Anderer zu tolerieren, sondern möchte das, was er für sich für richtig hält am liebsten auch seinen Mitmenschen übertragen. Er fängt an, sich mit anderen zu vergleichen und mit ihnen in Konkurrenz zu setzen, sucht bei ihnen nach Fehlern um sich besser und perfekter als sie zu fühlen. Schlimmstenfalls geht er so weit, dass er Andere dazu verführt Fehler  zu begehen, um sich durch deren Aufdeckung und Anprangerung wiederum überlegen zu fühlen.
Er sieht dabei nicht, dass er mit seinem Perfektionismus nach einem selbstgemachen Ideal strebt, welches aber nicht dem Bild entspricht, das Gott für uns Menschen entworfen hat. Mit viel Anstrengung wird danach gesucht, das eigene Ideal zu verwirklichen, anstatt in Freude, Demut und Ergebung mit jenen Gaben zu dienen, die Gott uns geschenkt hat, so beschränkt unsere Kraft und unser Wirken auch sein mögen.

Christliche Vollkommenheit
Christliche Vollkommenheit bedeutet die Vereinigung von Mensch und Gott (Jesus), das Einssein mit Jesus Selbst. Ihr Ausgangspunkt ist also nicht das eigene Ich, sondern Jesus Christus. Als gläubige Christen sollten wir daher zuerst auf Ihn und seine Lehre schauen und dann, von Ihm ausgehend, auf die anderen und uns selbst. Richten wir uns nach dem Willen Gottes, den Er uns über Seine Lehre gegeben hat, so können wir uns von den von uns selbst gemachten Idealen lösen, die unserem eigenwilligen Denken und Wollen entspringen, und unser Herz frei machen für Christus und seine erlösende Liebe.
Vollkommen ist der Mensch geworden, wenn er durch die getreue Haltung der Gebote das Ebenbild Gottes in sich so zum Wachsen gebracht hat, dass es sein ganzes Wesen durchdringt. Er dringt dann in alle Tiefen der Gottheit und kann die gleichen Werke verrichten, wie sie Jesus während Seines Erdenwandels verrichtet hat. Er ist zu einem wahren Kind Gottes geworden und kann wie Paulus ausrufen: „Ich lebe aber; doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben“ (Gal 2, 20).

Alles mit den Augen der Liebe sehen
Jesus ist in unsere Welt, eine Welt der Sünde, gekommen, um das verirrte Schaf, den gefallenen Menschen, zu suchen, zu finden und in das Haus des Vaters heimzuführen. Sein Herz war erfüllt von Liebe und Geduld, nicht von Kritik; von Demut und Frieden, nicht von Unzufriedenheit; von Sanftmut und Güte, nicht vom Ärger über die schlechte Welt. Auch wenn Er die Sünde und die Hartherzigkeit der Menschen aufgedeckt hat, hat Er danach gestrebt, die verwundeten Herzen mit Liebe zu heilen. Er hat die kranken, schwachen und sündhaften Menschen angenommen und nicht darauf geschaut, ob sie perfekt oder fehlerlos seien. Selbst die Apostel waren unvollkommen und hatten ihre Fehler und Schwächen – dennoch ist Jesus ihnen mit Liebe und Geduld begegnet, hat sie angenommen und sie zu Seinen Nachfolgern gemacht. Er hat ihnen geholfen, sich aus ihrer Schwachheit und Sündhaftigkeit zu erheben, indem er sie lehrte, ihre Herzen für Sein Licht, Sein Erbarmen und Seine Liebe zu öffnen.
Diese Seine uns vorbildliche Verhaltensweise gegenüber den Menschen sagt uns, nicht mit perfektionistischen Gedanken auf andere und sich selbst zu schauen, sondern jeden Tag damit zu beginnen, in unserem Denken, Reden und Handeln der Liebe Raum zu geben, damit wir uns selbst und anderen mit Liebe begegnen können. Denn nur die Liebe macht uns fähig, die anderen so zu sehen, wie sie wirklich sind, und eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir uns positiv unserer göttlichen Entsprechung hin entwickeln können. Jesus erwartet nicht von uns die menschliche Perfektion, sondern Hingabe und Liebe. Er erwartet nicht, dass wir vor Ihm glänzen, sondern dass wir durch Liebe und Güte von innen her leuchten. Wir brauchen nicht vor Gott als Helden aufzutreten, sondern dürfen Ihm unsere Schwächen und unser Unvermögen übergeben. Statt immer wieder aus eigener Kraft und Anstrengung etwas zu erkämpfen versuchen, um den eigenen oder fremden Ansprüchen gerecht zu werden (und dennoch niemals zu genügen), sollten wir lernen loszulassen, sich der unerschöpflichen Liebe Gottes in uns bewusst zu werden und sie mit aller Einfachheit aus dem Herzen fließen zu lassen.

Der Weg der Bekehrung
Der Weg der Bekehrung vom menschlichen Perfektionismus zur christlichen Vollkommenheit ist der Weg vom Stolz, vom Hochmut zur wahren Liebe, von der Selbstbezogenheit zur Hingabe, vom Ich zu Jesus und zum Nächsten. All unser Streben und Bemühen muss nicht an sich vollkommen sein, sondern die wahre Liebe als Grundmotiv haben.
Untrennbar dazu gehört aber auch der Weg der Vergebung. Jesus hat in seinem Erdenleben immer wieder Sünden vergeben, wie böse und schlecht sie auch waren. Selbst Petrus, der Jesus vor Seinem Tod dreimal verleugnet hatte, hat Vergebung erfahren: Jesus machte ihm keine Vorwürfe, sondern brachte ihm Seinen Frieden; er musste kein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen und sein Versagen nicht lang erklären, sondern nur seine ganze Liebe zu Jesus bekunden.
Weil Jesus uns Seine vergebende Hand reicht, müssen auch wir sie anderen reichen, denn auch wir sind von Jesus zur Vergebung aufgefordert. Wir sollten also als wahre nach christlicher Vollkommenheit strebende Nachfolger Jesu dazu bereit sein, und nicht in unserem menschlichen Streben nach Perfektion jeden begangenen Fehler aufdecken und an den Pranger stellen, sei es bei sich oder bei anderen. Die Liebe zu Jesus und das Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit werden uns die Kraft dazu geben, uns und den anderen Menschen zu vergeben und so zum inneren Frieden und zum wahren Glück zu gelangen. Da Jesus uns annimmt, dürfen und sollen wir uns selber und andere annehmen, auch wenn wir noch so manches zu lernen und abzulegen haben.

Sich vor Gefahren hüten
Das heißt natürlich nicht, alles dulden und alles hinzunehmen zu müssen, selbst das allergröbste sündhafte Verhalten. Auch Jesus hat immer wieder der Sünde und dem Bösen durch klare Worte Einhalt geboten, und so fordert auch die wahre Liebe von uns, die untrennbar mit der Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden ist, in manchen Situationen ein deutliches Wort. Dadurch kann die Sünde durch die Liebe überwunden werden, und man verfällt nicht durch falsche Nachgiebigkeit, übertriebener Güte und Eingehen von Kompromissen mit der Sünde wiederum selbst in ein fehlerhaftes Verhalten und deren Folgen.
Eine andere Gefahr liegt darin, dass man seinen zunächst nur auf das Ego ausgerichteten Perfektionismus nun auf Gott verlegt. Man möchte jetzt nicht mehr für sich selbst perfekt sein um besser als alle Anderen zu sein, von Menschen anerkannt und geliebt zu werden, sondern man möchte nun perfekt sein, um für Gott perfekt, von Ihm anerkannt und geliebt zu sein, und um bei Ihm eine Vorrangstellung gegenüber den Anderen zu erhalten. So schädlich das eine Extrem ist, so ist es auch das andere. Denn im letzteren Fall übt man die Liebe nicht in ihrer göttlichen, d.h. selbstlosen Form – lieben um der Liebe willen – sondern ebenfalls aus egoistischen Motiven, um auch wiederum dadurch einen Vorteil für sich zu erhaschen.

Auf das Herz kommt es an
Grundsätzlich kommt es auf die Beschaffenheit unseres Herzens an, d.h. was wir in unserem Herzen denken und fühlen und welche Handlungen wir daraus folgen lassen. Wir sollten uns von unserem Stolz und Hochmut befreien, der das Herz des Menschen verschließt, und uns frei machen für die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Wir sollten uns nicht darüber sorgen, was die anderen von uns denken, sondern vielmehr über das, was Jesus von uns denkt. Es ist nicht schlimm zu fallen und Fehler zu begehen, sondern sich nicht von Ihm helfen zu lassen und nicht wieder aufzustehen. Zu einem vollkommenen Christen zu werden heißt nicht, danach zu trachten, ohne Fehler zu sein, sondern Gott und den Nächsten aus ganzem Herzen zu lieben und sich bei jedem Fehltritt in aller Einfachheit und Demut an die Erbarmung Gottes zu wenden und Ihm seine Schwachheit mit der Bitte um Hilfe zur Überwindung zu übergeben. Die demütige Akzeptanz unserer Schwäche hilft uns, uns selbst und Andere anzunehmen und zu vergeben: Sie war der Weg Gottes zu den Menschen, und so ist sie auch der Weg des Menschen zu Gott. Wer eingedenk seiner eigenen Schwächen und der Schwächen Anderer liebt und in Demut Werke der Liebe verrichtet, löst viele Bindungen an das eigene Ich und kommt gerade dadurch zu sich selbst. Er vertraut auf Gottes Gnade und gibt zugleich alles, was er geben kann. Er strebt danach, Gott in allem zu gefallen und jeden Tag in Treue zu Ihm Werke der Liebe zu verrichten. Er zieht dadurch den alten Menschen mit seinen Werken aus und den neuen Menschen an, der Gott vollkommen erkennt.

Vollkommenheit ist das große Ziel unseres Lebens. Durch sie werden wir in unserem Geist von neuem geboren und können in das Reich Gottes eingehen. Wir können und werden sie erreichen, wenn wir Menschen der Liebe, der Vergebung und der Dienstbereitschaft werden. Die wahre Demut führt uns zum Herzen Gottes und zur Erkenntnis der Wahrheit. Sie befähigt uns, das zu vollbringen, was Gott von uns erwartet. Denn:


„Seine Geschöpfe sind wir,
in Christus Jesus dazu geschaffen,
in unserem Leben die guten Werke zu tun,
die Gott für uns im Voraus bereitet hat.”
                                                                                  Epheser 2,10








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