Der Kreuzweg unseres Herrn, damals und heute - Bibelverstehen - Bibelverstehen

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Der Kreuzweg unseres Herrn - damals und heute

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt.
Jesus, der ungerechte Richter Pilatus kannte deine Unschuld sehr gut. Er machte auch einige schwache Versuche, dich freizubekommen und gab dich der Geißelung und dem Soldatenspott preis, damit du grausig genug und mitleiderregend aussehest. Aber mehr tat er nicht, sich selbst ließ er aus dem Spiel. Dann wusch er seine Hände in Unschuld - nein, er tauchte sie tief in unschuldiges Blut!

Verurteilen
Das alles tat ich. Pilatus bin ich. Und Jesus - das sind meine Mitmenschen. „Was du dem Geringsten meiner Brüder…“. Diese Worte sind kein bloßes Gleichnis, keine schönmachende Redewendung; sie sind ganz einfach Tatsache, eine für mich furchtbare Tatsache. Die Fälle sind nicht zu zählen, da ich Richter war, zu dem irgendeiner oder irgendeine aufgeblickt hat in vergeblicher Hoffnung. Wie oft habe ich beurteilt, verurteilt, dem Lachen preisgegeben, dem Bösen überantwortet, zu Schaden gebracht, in die Not der Einsamkeit getrieben: aus Hass, aus Lieblosigkeit, aus Gleichgültigkeit, aus Gedankenlosigkeit, aus Herzensträgheit, aus Eitelkeit, aus Menschenfurcht, aus kluger Rücksichtnahme auf Stärkere. Und jedes Mal habe ich damit einen Menschen gerichtet, der wirksam gegen mich aussagen wird, auch wenn er selbst gerichtet wird von dir.
O anklagendes Menschengesicht, o durchschimmernd göttliches! O Tag, da du, Jesus, auf den Wolken kommen wirst, um die Welt zu richten!

In der Stunde des Gerichts, da ich  selbst vortreten muss, da ich - ich selbst -  gerichtet werde: Erbarme dich meiner, o Jesus!


2. Station: Jesus nimmt das schwere Kreuz auf sich.
Endlich dürfen die Wutschreie der Hasser sich lösen im Triumphgeheul: Du Geächteter, beladen mit dem Schandkreuz, machst die ersten Schritte zur Richtstatt. Dein Blick geht suchend rundum, jetzt trifft er mich. Hat nicht dein Mund sich geöffnet zu einem Wort? Ich kann es nicht verstehen im Gewühl. Ich brauche Stunden, bis das freche Gewühl in meiner Seele sich legt, bis die Zudringlichkeiten auch im Gedächtnis ersterben. Dann, als du schon längst vorbei bist, fällt mir dein Gesicht wieder ein und ich verstehe plötzlich, was die Lippen geformt haben: „Wenn du mein Jünger sein willst…“

Tragen und Ertragen
„Wenn du mein Jünger sein willst…“. Dieses Wort durchschauert mich. O ja, das will ich doch! „…dann nimm dein Kreuz auf dich und folge mir… Versuch’s, es ist süß und leicht…Ich hab‘ es für dich bereitet von Ewigkeit her, zusammen mit deiner künftigen Wohnung; verwirfst du das eine, verfehlst du das andere… Es ist für dich bestimmt und berechnet, für gar keinen anderen, nur für dich allein, dessen Name ich kenne und nicht vergesse bei Tag und bei Nacht… Ich lege dir nicht mehr auf, als du tragen kannst… Wie willst du mein Freund sein, wenn du ein Feind des Kreuzes bleibst? …Bestehe nicht so eigensinnig darauf, dieses oder jenes Kreuz tragen zu wollen, nur um dem zu entgehen, das ich in Wirklichkeit dir bestimmt habe … Ohne das rechte Kreuz schreitest du selbstsicher auf der breiten Straße dahin. Not und Leid tragen, das führt zu mir, denn es macht aufmerksam und feinfühlig, wie ich es als der von dir Geliebte verdiene… Ich geh dir voran, folg‘ mir getrost nach, ich liebe dich… Ich bin dein Magnet… Ich selbst bin dein Lohn… Tu nur entschlossen den ersten Schritt. Um dieses Schrittes willen wird meine Gnade dir entgegenkommen, nicht halbwegs, sondern bis zu deinen Füßen, und wird dich ermuntern zum nächsten…“.

O Jesus, verzeih‘ mir mein Verzagt sein und  hilf mir, das Kreuz, das du für mich bereitet hast, dankbar anzunehmen und zu tragen.


3. Station: Jesus erster Fall unter dem Kreuz.
Hungrig, durstig, bis zur Todmüdigkeit verhört, ohne Schlaf, gegeißelt, bespuckt, verhöhnt, verlassen, so schreitest du schwankend unter der Kreuzeslast dahin; ein Stein, ein Stolpern genügt, du brichst zusammen und das Holz fällt schmerzhaft auf deinen gemarterten Leib. Die Knechte bringen dich allerdings in Kürze wieder hoch wie ein gestürztes Pferd ­- und weiter geht’s.

Fallen
Die Kreuzeslast, die dich niederdrückt, das bin ich. Wie nach dem Gesetz der Trägheit lebe ich dahin, jahrelang, jahrzehntelang, und rühre mich nicht vom Fleck in meinem geistlichen Leben. Die Stunden sind alle angefüllt mit Tätigkeit, sinnlos und zwecklos, essen, trinken, frisieren, rennen, schlafen, denn ich bring es nicht fertig, dies alles in deinem Namen zu tun. Die Tage gehen hin, die Wochen, die Monate und nichts von mir ist eingebracht und sichergestellt in den ewigen Scheuern. Wenn dieses Leben auch keine aufzählbaren Stunden hätte, so wäre es doch eine einzige Sünde, würdelos, gegen alle menschliche Bestimmung.

Lieber Jesus, gib meinem Vorsatz, meinem so oft wiederholten Vorsatz endlich Liebeskraft, dass sie mich befeuere und beflügle zu ernsthaftem Tun!


4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter.
Ich rühre nicht an das Geheimnis deiner Mutter Maria, wie rasch und wie stark sie ihre Heilsrolle verstand bei jeder Freude die sie durchrieselte, bei jedem Schwert das sie durchfuhr. Sie hält auch in dieser Stunde zu dir und ist mit ihrer Liebe bei dir. Sie weicht nicht von deiner Seite, weicht dem Schmerz nicht aus.

Mitleiden
Wie oft habe ich den Anderen allein gelassen in seinen schweren Stunden, in seinem Schmerz? Wie oft habe ich mich abgewandt anstatt mitleidig meine Hand zur Hilfe auszustrecken und noch nicht einmal den eines Blickes gewürdigt, der vor Schwäche neben mir zusammenbrach?

O Jesus, hilf mir, meine Gleichgültigkeit für das Leid der Anderen abzulegen und ihnen in ihrer Not beizustehen.


5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das schwere Kreuz tragen.
Weil der Verurteilte nicht mehr vorwärts kommt, wird der römische Hauptmann unruhig und beschlagnahmt nach Besatzungsrecht den ersten, der ihm geeignet erscheint, zu Hand- und Spanndiensten.

Das Kreuz tragen
Der unwillige Simon von Cyrene, das bin ich, seit der Taufe beschlagnahmt für dich, Christus. - Es wäre süßliche Heuchelei, wenn ich sagte: „Ach, hätte ich nur damals gelebt; wie gern würde ich dir das Kreuz getragen haben!“, steh‘ ich doch täglich am Weg, wenn du als kreuztragender Nächster vorbeikommst und tu es nicht. Auch bin ich täglich, manchmal sogar stündlich und noch öfter eingeladen, das mir selbst auferlegte Kreuz zu tragen - und such‘ es loszuwerden.

Löse mich, Jesus, aus der Starre des Unwillens, aus dem Trott der Gewohnheit zu herzlicher Liebe, zu willigem Dienst, zu Opfer, damit du mich einmal als dir zugehörig erkennest!


6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.
Die johlende Menge, das bin ich. Die stumm unter ihrer Haustür stehenden, das bin ich. Die in scheuem Abstand dem Zug folgen, das bin ich. Aber Veronika! Was für eine Frauengestalt, hochgemut in ihrer geistlichen Liebe. Durch das Spalier der Spötter und Hasser drängt sie in den freien Raum, zieht aller Blicke wie Giftpfeile auf sich und reicht dir ihr Kopftuch hin, damit du dich trocknest. Und noch im Elend lohnst du, Herr, königlich. Du lohnst ihre Liebe mit nichts geringerem als mit der deinen und drückst dein Bildnis ins hingehaltene Herz.

Bildträger sein
Und ich? Kann ich vielleicht behaupten, du seiest an mir vorbeigegangen und habest mich nicht angeblickt? Tausendmal gingst du dicht an mir vorbei, tausendmal hieltest du mir dein besudeltes Gesicht hin - aber ich nicht mein Herz. Tausendmal warst du bereit, es in meinem Herzen abzubilden, wenn ich nur nicht zurückgezuckt wäre im letzten Augenblick wie vor einem glühenden Brandeisen, wenn ich mich nur nicht gefürchtet hätte, dein Bildträger zu sein in dieser Welt …

O Jesus, wenn in meiner letzten Stunde aller anderen Gesichter um mich herum verschwimmen und mich verlassen, dann verlass‘ mich nicht, dann versag‘ mir nicht das deine! Auch wenn ich es nicht verdiene. Tu es aus Gnade, meines guten Willens wegen!


7. Station: Jesus zweiter Fall unter dem Kreuz.
Herr, zum zweiten Mal drückt dich die Kreuzeslast zusammen. Und zum zweiten Mal muss ich bekennen: Die Kreuzeslast, das bin ich! Von einer Selbstbesinnung zur anderen schleppe ich dieses Spinnengewebe von Sünden, in langweiliger Eintönigkeit, immer dieselben. Sie bedeuten schon längst keine Belastung mehr für mich. Dabei sind sie etwas viel Schlimmeres: Sie sind Laster mit fast unausrottbaren Unkrautwurzeln in meinem Wesen, in meinen Gewohnheiten, unter denen meine Seele erstickt; Neigungen, die in ihrer Summe mein Antlitz entstellen und dir widerwärtig machen. Im einen Augenblick fasse ich den guten Vorsatz, im anderen erliege ich der geringsten Schwierigkeit. Fallen, aufsteh‘n, fallen, aufsteh‘n. Ist das überhaupt noch ein Aufstehen? Ist das nicht vielmehr eine kindische Vergesslichkeit, die meinem Alter nicht mehr ansteht?

Zusammenbrechen
Vielleicht gibt es kein anderes Mittel als Leid, Krankheit, Kummer, Sorgen, die mit ihrer Schärfe mich pflügen, mit ihrer Bitterkeit mich ätzen, mit ihrem Feuer mich brennen, mit ihrer Unruhe mich wecken und aufschrecken, damit ich endlich einmal jenseits aller Redensarten dir begegne und dich für wahr nehme!

O Jesus, erbarme dich meiner und setze meiner Lauheit ein Ende.


8. Station: Jesus tröstet die weinenden Frauen.
Es bestand wohl ein Kreis frommer Frauen, die jedem Verurteilten beistanden auf seinem letzten Gang, ihn begleiteten, ihn beklagten. Der hier jedoch leiden will, ist in Wirklichkeit der Herr. Und die hier Mitleid haben, das sind Sünder, deren Heil jetzt gewirkt wird. Du Herr stellst das richtig; du bist nicht so elend, das zu vergessen. Auch ist fremdes Leid dir wichtiger als eigenes. Du weinst über Frauen. Die Frauen aber, das bin ich; du weinst über mich. Deine Aufforderung, das unzeitige Mitleid einzustellen, ergeht an mich. Du sähest zwar mein Mitleid gern, nicht deinetwegen, sondern meinetwegen, ist es doch die Bresche in meinem verhärteten Herzen, durch die deine Gnade kommen kann. Aber welchen Sinn kann mein Mitleid haben, solange ich nicht einsehe, dass ich selbst Ursache deines Leidens bin?

Mitgefühl
Deine Aufforderung zu weinen ergeht an mich. Wenn ich jetzt, von dir Jesus ausdrücklich dazu aufgefordert, nicht weine und bereue, meinen Sündenanteil nicht beweine, mein Versagen nicht bereue, was dann mit mir? Wenn das, was ich gesehen habe, an dir Heiland geschieht, was wird dann an mir Sünder geschehen?

O Jesus, gib mir Zeit! Gib mir die Gnade, dass ich die Zeit nütze zu Tränen, zur Sinnesänderung, zur Umkehr!


9. Station: Jesus dritter Fall unter dem Kreuz.
Zum dritten Mal muss ich bekennen: Die Kreuzeslast, das bin ich. Ich werfe mich vor dir hin - meine Stirn berührt den Boden - und bekenne: Ich tat Sünden, mit denen ich dich von mir gewiesen habe, die ich nicht nenne vor meinem Allernächsten, die ich verheimlichen möchte vor mir selbst. Dabei spüre ich die Möglichkeit, Herr, dass ich solche Sünde wieder tun und in ihr sterben und verloren gehen könnte … Grausiger Gedanke: Du stehst auf vom dritten Sturz, um meine Erlösung zu vollenden, und ich schlage sie aus, indem ich liegen bleibe! Deine Barmherzigkeit möchte ich anflehen, aber da fällt mir ein, wie wenig ich selbst mich geübt habe in der Barmherzigkeit gegen meinen Nächsten … Was soll ich also tun? Die bloße Furcht vor dir ist kalt, sie bewegt mich nicht oder höchstens zum Einhalten. Nur deine Güte und Barmherzigkeit bewegen mich weiter, sie bewegen mich zur Reue, zur Liebe.

So flehe ich also doch deine Barmherzigkeit, lieber Jesus, an: Lass‘ mir keine Ruhe, bis ich immer wieder aufstehe und bekenne. Lass‘ mich mein Leben nicht beschließen mit Fallen und Fehlen, sondern fern davon; fern davon, mit einem Aufschwung meines besseren Wesens und Wollens!


10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt.
Ehrwürdige und gehorsame Opfervorbereitung bei Abraham und Isaak, damals nur vorbildhaft gemeint. Und nun geschieht die Opfervorbereitung wieder, diesmal ohne Widerruf, an der Schwelle des eigentlichen Erlösungsaktes; das grauenhafte Opferschauspiel beginnt, das einmalige: Du Jesus wirst von den Schergen entkleidet. Mit den Kleidern verabschiedest du auch dein bisheriges Leben, dein armes und seliges Leben, deine Lehrjahre. Inmitten der roh zugreifenden Hände stehst du da, allen sichtbar, trotzdem etwas Neues und Unverstandenes, zwischen Gott und den Sündern: das reine, heilige makellose Opferlamm.

Opferbereitschaft
Unausweichliche Wahrheit: mit mir muss dasselbe geschehen! Den alten Menschen muss ich ausziehen, und wenn darüber die Haut in Fetzen ginge. Deine liebreiche Menschlichkeit aber flüstert mir zu: Tu es! Schlüpfe aus deiner Haut wie ein Schmetterling aus der Puppe … Versuch es, der Entschluss ist das schwerste, es wird dann immer leichter … Schwing dich an das Licht… Lass alles zurück… Folge mir nach ins Herrliche!

O Jesus, du kennst meine Schwäche, meine Unentschlossenheit und Lauheit. Hilf mir bitte, den alten Menschen auszuziehen um dir nachzufolgen.


11. Station: Jesus wird an das Kreuz genagelt.
Von dem Wein, vermischt mit Myrrhe, vor der Kreuzigung angeboten, kostest du, Jesus, nur und weist ihn dann zurück, denn du willst bei vollem Bewusstsein leiden. - Und dann geschieht es: Das Opfer besteigt selbst gehorsam den Altar des Kreuzesholzes, wird angenagelt, wird auf der „Schädel“ genannten Felskuppe erhöht: vor allem Volk und vor dem Auge des himmlischen Vaters.
Kreuzigt man ein wildes Tier, dann empfindet es wohl einen dumpfen Schmerz. Einem rohen Menschen geschieht ein roher Schmerz, einem feinen Menschen ein hoher Schmerz. Und dem unschuldigen Gottessohn, dem ewigen Licht? - Unvorstellbar.

An das Kreuz nageln
Die Hammerschläge von damals sind verstummt. Aber mit anderen Hammerschlägen wirst du täglich von mir gekreuzigt. Die Hand, die diese Hammerschläge führt, ist meine Hand, meine eigene Hand, mein sündiges Herz. Mit den alten Meistern spreche ich: „Herr kreuzige mich, aber schone meiner in der Ewigkeit!“ Und in Erinnerung an dein Ölberggebet füge ich hinzu: „Wenn es allerdings mit milderen Mitteln ginge … Ich will mitwirken mit deinen Einsprechungen…“

Herr, ich bitte dich, rechne es mir nicht als Vermessenheit an, wenn ich wage, dein Sterben am Kreuz zu betrachten!


12. Station: Jesus stirbt am Kreuz.
Ob ich wohl der rechte oder der linke Schächer bin? Ob die Verheißungsworte auch mir gelten, die du zum guten Schächer sprachst? Und die Verzeihensbitte für deine Feinde? Und das Vermächtnis an den Lieblingsjünger? Ich erkenne dich als den Unbezwinglichen, den Strahlenden, denn noch am Schandholz, übersprenkelt von Blut, zitierst du, stellvertretend für den ganzen messaischen Psalm, dessen erste Zeile: „Mein Gott, mein Gott…“ und bezeugst dich damit vor aller Welt, ja vor dem ganzen All, als den Messias und Gottessohn.
Damit hast du dann auch die Umgebung abgetan, so wie vorher die Kleider. Die übrigen drei Stunden hängst du ausgespannt zwischen Erde und Himmel, drei Stunden allein mit dem Vater, drei Stunden Opfer, drei Stunden Darbringung. Und dann drängt das Drama zum Höhepunkt, die Jahrtausende haben darauf gewartet: „Es ist vollbracht … Vater, in deine Hände…“.

Verbindende Liebe in dunkelster Nacht
Unter Wundern die bezeugen, die aber auch Tore aufreißen ins ganz Unergründliche, hast du mein Lösegeld bezahlt, Satans Fessel von mir abgestreift, den alten Trennvorhang zerrissen, einen neuen Bund geschlossen. In deiner milden Menschlichkeit sind deine Arme ausgebreitet mich zu umfassen, dein Herz ist geöffnet, für immer geöffnet, Ströme der Gnade entlässt es, die mich durchfeuchten, die mir zeigen wie wünschenswert es ist, dieses Herz, diese Liebeswunde, dieses Bett meiner armen Seele. Ja, auch ich blicke endlich hoffend hinauf zu dir, den ich zuvor durchbohrt habe…

O heiliges Kreuz, du Siegeszeichen, du Himmelsleiter, du einzige Hoffnung, sei gegrüßt! An deinem Fuß steht der Kelch und fängt den Blutstrom auf zum täglichen Sühneopfer und Liebesmahl. O heiliges Blut Jesu, für mich hoffentlich nicht umsonst geflossen!
Hilf mir, und verlass mich nicht, mein Jesus.


13. Station: Jesus im Schoß seiner Mutter.
Jetzt endlich trauen sich zwei deiner heimlichen Anhänger hervor, Joseph von Arimathäa und Nikodemus. Sie kommen zwar zu spät für dich, auch ist das römische Gesetz jetzt auf ihrer Seite und der ärgste Rachedurst der Juden gestillt, aber es ist immer noch gefährlich, was sie da für dich tun; der hohe Rat wird ja nach den Festtagen auch mit deinen Anhängern abrechnen und sie selbst sind im Hohen Rat, sind reich und verflochten mit den Herrschenden, von dorther verletzlich. Doch sie tun es, obwohl sie an keine Auferstehung glauben, im Drang der Liebe - und ich wage es, ganz leise zu sagen: die zwei heimlichen Jünger, die helfenden Frauen, das bin ich; ich nehme dich vom Kreuz, an das ich dich zuvor schlug.

Aber Maria, in deren Schoß du gelegt wirst, das bin ich nicht. Maria, das ist die Allreine, deine gehorsame Magd, deine holde Mutter, die mit ihrer Treue die Zeiträume der Niederlage überbrückt, die Schmerzensreiche, die Schweigende, die Erduldende.


Unsterbliche Liebe
Deine Feinde haben Recht bekommen; zur Torheit des Kreuzes kam nun das Grab hinzu, das Grab aber hieß: verschwunden, verfault, vergessen, mit dem Stein des Unglaubens zugedeckt, die Trägheit des Herzens davor gewälzt. Unglaube und Diesseitsglaube gehören zusammen.

Glaube und Liebe und Nachfolge sind nicht schwer, wenn man dich als Siegreichen sieht, dich betasten kann.

Aber wenn, vom Hohngelächter begleitet, du als Überwundener stirbst, wenn du immer schon Schwerverständlicher nun vollends unsichtbar wirst…
-  In deiner Unsichtbarkeit prüfst du mich schwer, der ich so sehr am Sichtbaren hänge…
-  Das Unerhörte soll ich glauben, nicht nur jetzt und hier, sondern immer und überall…
-  Ich soll glauben, dass das Grab nur der Acker ist und ich das Weizenkorn…
-  Ich soll glauben, dass in der Stille des Grabes der Tod sich in Leben verwandelt, obgleich das dem Fleisch eine ebenso große
  Torheit ist wie vorher Armut und Kreuz …
-  Ich soll glauben, dass ich nicht von dieser Welt bin, von dieser süßen Welt, sondern von einer anderen, die ich doch noch nie
  gesehen habe…
-  An den Sieg des ungeschützt flackernden Lichtleins soll ich glauben mitten im Sturm …
-  Um das Ungewisse zu erringen, soll ich das Gewisse loslassen.


Über den Abgrund zwischen menschlicher Endlichkeit und göttlicher Unendlichkeit, zwischen dem Leben das Tod ist und dem Tod der Leben ist, führt kein vernünftiger Steg, sondern nur ein gläubiger Sprung. Du, lieber Jesus, bist mir zu dieser Verwandlung vorangegangen. Ich folge dir nach, mit geschlossenen Augen, in liebendem Vertrauen. Herr, komm‘ mir zu Hilfe! Nichtglauben ist sicherer Tod. Glauben ist das einzige Mittel, um meine Beschränkung loszuwerden, diese lästige Fessel, meine ekelhafte Hoffahrt gegen die Mitmenschen, meine auf nichts gegründete Selbstsicherheit - und dir entgegenzufliegen.
Wie jeder Christ beteure ich: „Herr, ich glaube an deine Auferstehung von den Toten; ich glaube auch an meine eigene Auferstehung von den Toten“ und ich meine nicht, dass ich damit lüge. Aber was ich da sage, das ist so ungeheuer, dass man es immer wieder sagen, immer wieder bedenken, immer wieder von neuem glauben muss: Die Überwelt ist stärker als die Welt, der Geist stärker als Stoff, das Unsichtbare stärker als das Sichtbare. Die Seele, die du durchfährst mit der beglückenden Gewissheit deiner Auferstehung, sie ruht nun trotz aller Bedrängnisse in deiner Hand so geborgen wie der Vogel im Nest. Und die Himmel erschüttern heute noch vor den Chören der Cherubin für dich Auferstandenen. Ja, Herr, auch ich glaube an deine Auferstehung von den Toten! Ich glaube an meine eigene Auferstehung von den Toten!
Zuvor aber willst du noch in mir selbst auferstehen. Wie oft habe ich bisher, statt dies geschehen zu lassen, dich hinab gedrückt; ich fürchtete ja die Katastrophe für mein bürgerliches Leben, wenn du in mir auferstehest und wirksam wirst. O lieber Jesus, nun mindere meine Ängste, befeuere meinen Mut, schaffe mir eine Fußbreite Land am neuen
Ufer, worauf ich stehen und gründen und wachsen kann; strecke du Vorausgegangener mir deine Hand entgegen, zieh mich vollends zu dir, umfasse mich, sprich zu mir, blicke mich an, wandle mich, begeistere mich zu dem nie aufhörenden Preisgesang deiner Herrlichkeit. Ja, nie mehr aufhören sollen die Liebeslieder meiner Seele für dich, du meinetwegen Gekreuzigter und siegreich Auferstandener. Amen.


(Auf der Grundlage der Betrachtungen von Sepp Weber: ‚Der Kreuzweg unseres Herrn damals und heute‘.)






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